Das Thema ‚Vielfalt und Zusammenhalt‘ steht im Mittelpunkt des 36. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der in einem Jahr an der Ruhr-Universität Bochum und der Technischen Universität Dortmund durchgeführt wird. Der Kongress wird zum ersten Mal an diesen Universitäten zu Gast sein.
Angesichts gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen will die Soziologie Vielfalt unter dem Gesichtspunkt von Chancen und Herausforderungen für sozialen Zusammenhalt sowie Aspekten von kreativer Weiterentwicklung und sozialer Innovation thematisieren.
Gastland dieses 36. DGS Kongresses ist die Türkei. Mit diesem Land sind aus deutscher Perspektive wie mit keinem anderen die Themen Vielfalt und Zusammenhalt durch die Zuwanderungs- und Integrationspolitik verknüpft.
Ausgerichtet wird der Kongress in gemeinsamer Verantwortung der Bochumer und Dortmunder Soziologinnen und Soziologen. Die Kongressorte sind Bochum und Dortmund. Ethnische, kulturelle und soziale Vielfalt sind (selbstverständlich nicht nur, aber insbesondere auch) kennzeichnend für das Zusammenleben von Menschen in den Ruhrgebietsstädten Bochum und Dortmund. Somit sind diese Städte aus historischer und gesellschaftlicher Sicht ideale Orte für einen Kongress zum Thema Vielfalt und Zusammenhalt. Der räumliche Veranstaltungsschwerpunkt ist der Campus der Ruhr-Universität Bochum, die sich als eine der größten Universitäten Deutschlands in jüngerer Zeit zu einem attraktiven Wissenschaftsstandort entwickelt hat. Auf dem Campus der Technischen Universität Dortmund und in den dortigen Instituten werden ebenfalls mehrere Veranstaltungen stattfinden.
Vielfalt und Zusammenhalt: Gesellschaftliche Herausforderungen und Chancen
Die meisten Menschen nehmen ihre soziale Welt als immer vielfältiger wahr. Wachsende religiöse Vielfalt zeigt sich in der steigenden Zahl unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften, in entsprechenden sakralen Bauten und auch in Bekleidungsattributen wie Kreuzanhänger oder Kopftuch. Arbeits- und Erwerbsformen werden flexibilisiert und differenzieren sich weiter aus nach Arbeitsort, Umfang der Arbeitszeit, Dauer des Beschäftigungsverhältnisses und Bindung an die jeweilige Organisation. Solche Entwicklungen wurden durch Politik und Wirtschaft lange Zeit forciert, sie sind aber zum Teil auch Ausdruck neuer Bedürfnisse und Präferenzen. Die Soziallagen der Menschen werden nicht mehr nur von Einkommenshöhe, Bildungsniveau, Herkunftsmilieu und Geschlechtszugehörigkeit bestimmt, sondern auch von immer vielfältigeren Faktoren wie z.B. kommunikativen Kompetenzen, sozialen Netzwerken, interkulturellen Erfahrungen und persönlichen Neigungen und Leidenschaften beeinflusst. Kulturelle Orientierungen und Lebensstile werden vielfältiger, wie die Diskussionen um Begriffe wie multikulturelle Gesellschaft, Leitkultur oder Parallelgesellschaften zeigen. Die Möglichkeiten der Kommunikation werden erweitert – z.B. durch das Internet und Smartphones.
Die wachsende Vielfalt von Orientierungsangeboten, Selbst- und Fremdzuschreibungen sowie Sozialen Lagen und Lebensstilen wird einerseits als Chance und Bereicherung, andererseits aber auch als Herausforderung oder gar Belastung wahrgenommen. In der öffentlichen Diskussion wird diese wachsende Vielfalt nicht selten als Gefährdung des sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalts thematisiert. Dabei wird oft wie selbstverständlich unterstellt, Zusammenhalt entstehe vor allem durch Ähnlichkeit oder Gleichförmigkeit, durch Übereinstimmung. Tatsächlich aber sind Unterschiede, ist Differenz geradezu die Voraussetzung für Integration. Vernachlässigt wird außerdem, dass das menschliche Zusammenleben in Vielfalt soziokulturelle, technische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen fördern und neue Niveaus nachhaltigen Zusammenhalts ermöglichen kann.
Vielfalt ist ein Kennzeichen dynamischer Gesellschaften. In solchen stellt sich folglich immer wieder die Frage, wie es gelingt, die mit Vielfalt verbundenen Verteilungs-, Werte- und Inter-essenkonflikte zu regulieren und sozialen Zusammenhalt zu stiften. Klärungsbedürftig sind dementsprechend z.B. die folgenden Fragen: Unter welchen Bedingungen entsteht aus sozialer Vielfalt Marginalisierung und soziale Desintegration? Unter welchen Voraussetzungen erwächst hieraus soziale Innovation und Kreativität? Welche Typen von Vielfalt sind gesell-schaftlich unproblematisch oder zu begrüßen? Welche sind Ausdruck strukturell ungleicher Verteilung von Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe? Welche Formen und Veränderungen von Vielfalt prägen sozialen Wandel? Entstehen – z.B. durch neue Wertorientierungen, Interessenkonstellationen oder technische Systeme – neue Kräfte und Mechanismen der Stiftung von Zusammenhalt? Von welchen Faktoren wird das Verhältnis zwischen Vielfalt und Zusammenhalt in sozialen Lebenswelten, Organisationen und gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen beeinflusst?
Der 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie wird sich aus den Blickwinkeln der verschiedenen soziologischen Teildisziplinen, paradigmatischen Orientierungen und nationalen wie internationalen Erfahrungen mit dem Thema Vielfalt und Zusammenhalt be-schäftigen. Er findet vom 1. bis 5. Oktober 2012 in der Ruhr-Universität Bochum und an der Technischen Universität Dortmund statt. Interessierte können sich über das Kongressbüro informieren und anmelden.
Bochum/Dortmund, im Mai 2011